"Als ich 4 Jahre alt war, baute mein Vater – während er mir das Prinzip der Gangschaltung erklärte – riesige Hinterräder an mein Kettcar. Dieser physikalische Eingriff ermöglichte mir, mich schneller und eleganter fortzubewegen. Seitdem interessiert mich das Spiel mit der Physik. Drehmoment, Übersetzung, Hebelkraft, Überschallknall. Für jede Performance entwickle ich eine neue (Bewegungs-)Technik. Ich bin Teil eines physikalischen Experiments, einer Versuchsanordnung. Und ich bin das bewegende Element der Versuchsanordnung, sein Motor. Ich lasse Materialien brechen, dehnen, quietschen, zerschellen. Im dem bewegten Bild entspringt alles auseinander. Material, Apparatur, Körper, Bewegung und Klang reagieren aufeinander und bedingen sich gegenseitig. Das eine geht nicht ohne das andere. Sind Bild und Versuchsanordnung geglückt, finde ich tanzen leicht." Maren Strack |
"Der Kampf gegen die Physik - die Performerin Maren Strack"
| Wenn sie nicht so schön
wäre, sähe ihre Kunst anders aus. Die Performancekünstlerin
Maren Strack mit den langen, rotblonden Haaren, dem schlanken, sehr weiblichen
Körper ist immer in ihrem Bild. Sie ist Medium und Ausdruck, ästhetische
Verlockung und gebrochenes Versprechen. Denn der Körper der Frau, die
an ihren Haaren aufgeknüpft von der Decke hängt, verschwindet
in der Arbeit “Muddclubsolo” in einem roten Freizeitzelt. Unterm
Zelt erwartet man ihre grazilen Füße, stattdessen fahren plumpe
Gummistiefel aus dem Zeltkleid und tanzen ungelenk im Dreck. Oder sie zieht das Latexkleid an, silbergrau und bodenlang. Der Zopf ist wieder nach oben gezogen, diesmal über eine Rollenkonstruktion. Das Gegengewicht zum Körper hält eine elektrische Nähmaschine an der Verlängerung des Zopfes. Das Latexkleid ist auf dem Tanzboden festgenagelt. Wenn Maren Strack im elastischen Kleid tanzt, dann jault und quietscht das Material. Ihr Gleichgewicht gerät außer Kontrolle, aber Zopf, Latex und Nähmaschine bewahren sie vor dem Sturz. Geräusche sind wichtig, oft erzeugt mit harter Fußarbeit: Bergstiefel, auf denen gebogenen Kufen aus kleinen Eisenbahnschienen montiert sind in “ICE Lise Meitner”. Sie wippt und tanzt und stampft einen Heavy-Metal-Stepptanz. Oder sie zertanzt gleich den Untergrund auf dem sie steht: übereinander geschichtete weiße Ytong-Steine von der nächsten Baustelle zerstäuben im Flamenco, begleitet vom Rhythmus der Kastagnetten. Es ist immer etwas Gewalttätiges in den Arbeiten von Maren Strack, sie tut sich etwas an und dem Material, sie sorgt dafür, dass die Betrachter immer wieder den Atem anhalten. Die Performances von Maren Strack sind existentiell weiblich, denn sie spielen mit den Erwartungen an weibliche Körper, haben ein tänzerisches Moment, denn sie hat 5 Jahre in einer Flamenco-Kompanie getanzt und sie sind immer grenzgängerisch an der physischen Belastbarkeit. 1967 in Hamburg geboren, lange in München, jetzt Berlin, Studium der Bildenden Kunst, aber die Anregung für ihre sehr persönlichen Arbeiten kam während eines Sommerkurses für Video bei Valie Export. Margit Miosga |